Wenn du bei „Brettspiel" an Monopoly denkst, hast du 20 Jahre verpasst

Was heute auf deutschen Wohnzimmertischen liegt, hat mit deiner Kindheit ungefähr so viel zu tun wie ein Smartphone mit einem Wählscheibentelefon.

Lena Hartmann · 3 Min. Lesezeit

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Machen wir einen kurzen Test. Woran denkst du bei „Brettspielabend”?

An dreistündiges Monopoly, bei dem am Ende einer heult? An Risiko-Partien, die um zwei Uhr nachts im Streit enden? An „Mensch ärgere dich nicht”, das seinem Namen alle Ehre macht?

Dann warst du — kein Vorwurf — ungefähr zwei Jahrzehnte nicht mehr in dieser Abteilung. Und es ist dir etwas Erstaunliches entgangen: Brettspiele hatten ihre Renaissance, leise und gründlich. Die Neuheiten sind schneller, schöner und klüger als alles, was in den Schränken unserer Kindheit stand. Kein Geldzählen. Kein Rauswurf. Kein toter Nachmittag.

Der Beweis in 30 Sekunden

Nimm Azul. Du legst portugiesische Keramikfliesen zu Mustern — mehr muss man nicht erklären. Die Steine fühlen sich an wie Dominosteine aus einem Designerladen, eine Partie dauert 40 Minuten, und das fertige Brett ist so hübsch, dass Leute es fotografieren.

Oder Flügelschlag: ein Strategiespiel über — im Ernst — Vögel. Mit 170 illustrierten Vogelkarten, pastellfarbenen Eiern aus Kunststoff und einem Würfelturm in Futterhausform. Klingt absurd, ist aber das meistausgezeichnete Spiel des letzten Jahrzehnts und in Deutschland regelmäßig ausverkauft.

Was sich wirklich geändert hat

Drei Dinge, die moderne Spiele anders machen als die Klassiker von damals:

Erstens: Niemand fliegt raus. In fast allen modernen Spielen spielen alle bis zum Schluss mit. Das Monopoly-Gefühl, ab Minute 40 pleite zuzuschauen, wurde schlicht wegdesignt.

Zweitens: Sie sind in einer Stunde durch. Zug um Zug Europa — du sammelst Waggons und baust Bahnstrecken quer über den Kontinent — erklärt sich in fünf Minuten und ist in 60 vorbei. Perfekt für einen Dienstagabend, nicht nur für Silvester.

Drittens: Sie sehen fantastisch aus. Die Branche hat verstanden, dass Erwachsene keine Pappe in Primärfarben wollen. Heutige Spiele gehören zur Einrichtung.

Und die Klassiker von heute?

Falls du überhaupt einen Namen aus der neuen Ära kennst, dann diesen: Catan. Das Spiel, das 1995 in Deutschland die ganze Bewegung losgetreten hat, funktioniert bis heute verblüffend gut — verhandelt wird um Holz, Lehm und Schafe, und um dieses eine Schaf entstehen Dramen, über die noch Jahre gesprochen wird.

Für größere Runden ist Codenames der moderne Standard: zwei Teams, 25 Wortkarten, ein Hinweiswort pro Runde. Kostet so viel wie zwei Kinotickets und hat weltweit über zehn Millionen Exemplare verkauft.

Und wer gar keine Mitspieler braucht: MicroMacro: Crime City ist ein riesiges Schwarz-Weiß-Wimmelbild voller Verbrechen, die du wie ein Detektiv mit der Lupe aufklärst — allein oder zu zweit, ein Fall vor dem Schlafengehen.

Was das über deine Abende sagt

Hier ist die eigentliche Pointe: Es geht gar nicht um Spiele. Es geht darum, was auf dem Tisch liegt, wenn Freunde da sind — ein Bildschirm oder etwas, das alle in dieselbe Welt zieht.

Menschen, die einmal einen modernen Spieleabend erlebt haben, beschreiben danach immer dasselbe: Es fühlte sich an wie früher, nur besser. Drei Stunden vergingen wie zwanzig Minuten, niemand schaute aufs Handy, und beim Verabschieden fiel der Satz, an dem man gute Abende erkennt: „Nächste Woche wieder?”

Für den Preis einer Pizza Margherita mit Getränk ist das, ehrlich gesagt, ein unverschämt guter Tausch.

Chefredakteurin

Lena Hartmann

Seit zehn Jahren im Verbraucherjournalismus. Bestellt jeden Bestseller selbst, bevor er hier landet — und schickt gnadenlos zurück, was nichts taugt.

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